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Die Tränen des Wassermanns 2

Die Tränen des Wassermanns

2. Kapitel
Karma, die Geißel der Menschheit

Was gibt es Schöneres auf Erden, als karmisch unterdrückt zu werden? Genau diese Gedanken gingen mir an diesem Morgen durch den Kopf. Denn wer war daran schuld, dass ich nicht schon längst zum Kreis der Erleuchteten zählte, wer, außer meinem Karma? Wenn ich einen Schneeball daraus formen könnte, wäre es längst geschehen, und ich hätte ihn weit von mir geworfen. Doch nun wollte ich meinem Schaf zuhören, denn es hatte mir ja schließlich etwas zu sagen. Dieses nun erleuchtete Schaf wartete auch schon voller Ungeduld darauf, sich mir endlich vermitteln zu können. „Karma, so begann es, ist ein Teil deines Ganzen und sitzt unterhalb des großen Fußzehs, links in der Ecke. Solltest du es erreichen wollen, musst du dich tief bücken. Das würde bedeuten, dass du eine spirituelle Verbeugung machst, um dich dem, der hinter ihnen stand, in ehrfurchtsvoller Weise zu nähern. Da das Karma dich im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt begleitet, ist es zu einem sehr wichtigen Teil deines Lebens geworden, der dich immer dann schmerzlich berührt, wenn du mit dem Fuß falsch auftrittst. Da wir gerade beim falschen Auftreten sind, muss ich dich doch daran erinnern, dass ich im Moment ebenfalls schlecht auftreten kann. Das liegt aber weniger an meinem Karma, als daran, dass du mir meine Hufen noch nicht nachgeschnitten hast. Dies nur ganz nebenbei, wir waren beim Karma.

Der erste Schritt, dich von deinem Karma zu befreien, beinhaltet erst einmal unter Schmerzen falsch aufzutreten, um zu bemerken, dass Karma vorhanden ist. Doch versuche nicht deinen großen Fußzehen abzutrennen, denn dein Karma ist sehr resistent und würde sich nur in einen anderen Teil deines Körpers festsetzen. Das wiederum würde bedeuten, dass du dich erneut auf die Suche machen müsstest, das Karma erneut aufzuspüren. Sollte es sich dann in der Leber festsetzen, würde es sich kaum lohnen, diese herauszureißen.” So sprach also mein Schaf und mir wurde angst und bange. Nicht etwa davor, dass sich mein Karma in meiner Leber festsetzen könnte, denn ich war nicht bereit meinen großen Fußzehen abzuhacken, aber davor, dass mir bewusst wurde, dass mein Karma sich an einer recht ungewöhnlichen Stelle meines Körpers manifestiert hatte, ich mir auch jetzt darüber klar wurde, warum mich in letzter Zeit auf Schritt und Tritt das Gefühl beschlich, dass irgend- etwas mit meinem großen Zehen nicht in Ordnung war. Verzweifelt schaute ich mein Schaf an, das in diesem Moment auch nur einen mitleidsvollen Blick für mich übrig hatte. ” Was soll ich denn tun”, fragte ich verzweifelt. ” Nicht verzagen, Karma fragen”, bekam ich zur Antwort, “für alles gibt es eine Lösung, und diese wollen wir nun gemeinsam angehen. Höre mir nun genau zu, sagte mein Schaf, wir werden jetzt eine Übung praktizieren, die mir von dem, der hinter ihnen stand, genauestens beschrieben wurde.

Stelle dich bitte hier vor diesen Holzverschlag, es zeigte dabei auf den Stall in dem es zu ruhen pflegte. Trete mit voller Wucht gegen diese Wand. Solltest du deinen großen Zehen spüren, hast du Karma auf dich geladen, spürst du ihn nicht, hast du keines. Solltest du ihn spüren, hast du in deinem letzten Leben einem Menschen gegen das Schienbein getreten und dich dadurch karmisch beladen. Wenn du dein Karma nun auflösen möchtest, musst du mindestens zehnmal gegen diese Holzwand treten, damit es dich zehnmal schmerzt.” Welche seltsame Methode, dachte ich mir, doch blieb mir nichts anderes übrig, als diesem praktischen Vorschlag nachzukommen. Denn es war ja der, der hinter ihnen stand, der meinem Schaf dies aufgetragen hatte. So holte ich also mit voller Wucht aus und trat gegen den Holzverschlag. Ich hätte ja nicht übertreiben müssen, denn es durchzuckte mich, als hätte mich der Blitz getroffen. “Siehst du, siehst du, meckerte mein Schaf, du hast Karma auf dich geladen, und nun trete zehnmal gegen die Holzwand, um es endlich aufzulösen.” Zehnmal trat ich dagegen und zehnmal schoss es mir durch den Körper und beim elften Mal…, schoss es mir immer noch durch den Körper. Hatte der, der hinter ihnen stand, etwa gelogen, oder hatte ich etwas falsch gemacht? Mein Schaf gab mir die Antwort. ” Du hast es mit dem Kopf getan, und nicht mit dem Herzen, du musst es sofort noch einmal versuchen, doch diesmal musst du mit dem Herzen zutreten.” Ich dachte mit dem Fuß, und dieses hatte ich ja immerhin elf Mal praktiziert.

Mein Schaf, das ja durch die nächtliche Begegnung mit dem, der hinter ihnen stand, auch hellsichtig geworden war, erwiderte darauf ”, natürlich sollst du mit dem Fuß zutreten, nur mit dem Herzen anwesend sein und deinen Kopf ausschalten. Nimm nun einen neuen Anlauf und wiederhole die Übung. Aber diesmal sei in deinem Herzen anwesend.” So trat ich also erneut zehnmal gegen die Holzwand und erneut durchzuckten mich Blitze. Beim elften Mal, siehe da, – ich bekam Kopfschmerzen. Mein Karma musste sich demnach von der großen Zehe in meinen Kopf verlagert haben, denn dort hatte ich anscheinend auch noch Karma aufzulösen, so sagte es mir auf jeden Fall mein Schaf. Nachdem ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, und nun über das Karma in meinem Kopf nachdachte, welches sich durch heftige Schmerzen in meinem Kopf bemerkbar machte, wollte ich nur noch eines, die endgültige Erlösung oder eine schnell wirksame Schmerztablette. Da ich Letzteres kategorisch ablehne, blieb mir nichts anderes übrig, als mein weise gewordenes Schaf um Rat zu bitten. ” Du kannst deine Schmerzen weg atmen, weg husten, weg denken oder eine Kopfschmerztablette nehmen, es wird dir nichts nützen. Es gibt nur eine Möglichkeit, du musst ein Rätsel lösen. Solltest du es erraten, wirst du endlich von deinem Karma befreit. Solltest du es aber jedoch nicht lösen können, gibt es wiederum eine Möglichkeit, du musst ein Rätsel lösen. Dieses Rätsel also lautet, wie befreie ich mich von meinem Karma”.

Dies war nun wahrlich schwierig, dachte ich. Beschwörungen, Lichtatmen, heilende Hände, Edelsteintherapie und Aromatherapie, diese Zauberwerkzeuge kannte ich, aber mein Karma zu lösen, mit solch einem Rätsel, diese ganz direkte Aufgabe stellte sich mir wie ein unlösbares Geheimnis dar. Vielleicht sollte ich mich in tiefe Meditation versenken und dort auf eine Antwort hoffen, oder doch eine Kopfschmerztablette nehmen. Er, der hinter ihnen stand, war auf jeden Fall nicht bereit, mir bei der Lösung dieser schwierigen Aufgabe behilflich zu sein. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als die Lösung des mir auferlegten Rätsels, selbst zu finden. Da mein Schaf nicht intelligenter war, als der, der hinter ihnen stand, konnte es mir in dieser Situation ebenfalls nicht weiterhelfen. Ich sah ein, dass es mit oder ohne Hokuspokus nicht eine Frage der Zeit war, sondern eine Frage meines Verständnisses. Es galt für mich, dieses Verständnis zu entwickeln, in mich hineinzulauschen, das Wesentliche zu entdecken, und mit diesem mein Karma zu beseitigen. Doch solange ich nicht an den Kern meines Wesens vorgedrungen war, konnte ich weder mich noch mein Karma entdecken. Dies war sicher eines meiner größten Erkenntnisse, die ich bis dahin gemacht hatte. Die Erkenntnis, dass ich nichts wusste und dennoch als Wissender erscheinen wollte. “Alle Achtung”, sagte mein Schaf, “du bist doch tatsächlich dort angelangt, wo er dich haben wollte. Nun hast du erst einmal die Basis dafür geschaffen, mehr zu erfahren über das, was der, der hinter ihnen stand, dir zu sagen hat.

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